Sa Sartiglia – Ein Karnevalsumzug der besonderen Art

Was „Sartiglia“ bedeutet? Das Wort hat katalanische und lateinische Wurzeln und bedeutet so etwas wie „Stern“, „Schicksal“ und „Ring“. Das Spektakel  fand ursprünglich statt, um die Ankunft des Frühlings gebührend zu feiern.

Auch auf Sardinien ist Karneval eine große Sache und besonders in Oristano ist der Karnevalsumzug ein unvergessliches Erlebnis. Das Erste was man sieht, wenn man der Innenstadt näher kommt, ist eine mit Sand zugeschüttete Straße, die durch einen Holzzaun vom Bürgersteig abgegrenzt ist. Folgt man dieser, kommt man an ein paar Ständen mit Süßigkeiten und Masken vorbei. Die Menschen laufen gen Zentrum, das Geplapper und Gelächter voller Erwartungen auf einen erlebnisreichen Tag. Und auf dem Platz vor dem Rathaus beginnt das Spektakel. Trommler stehen im Kreis um einen Reiter herum, alle in traditionelle Uniformen gekleidet. Blendet man die modern gekleideten Zuschauer aus, so begibt man sich auf eine Zeitreise in frühere Jahrhunderte. Auf der Rathaustreppe stehen fein gekleidete Hoffräulein, die Augen auf das Geschehen in der Mitte des Platzes gerichtet. Was genau geht hier vor? Wird eine Steuererhöhung oder ein Friedensvertrag ausgerufen? Nein, es wird das am Nachmittag stattfindende Turnier angekündigt. In den Reihen der Trommler befindet sich auch ein kleiner Junge; an diesem traditionsreichen Fest nehmen alle Generationen teil. Kurz darauf wird der Waffenmeister Su Componidori von jungen Frauen eingekleidet. Seine Füße dürfen den ganzen Tag nicht den Boden berühren, denn er hat praktisch den Status eines Halbgottes: Er entscheidet über das Schicksal der Reiter, weil er bestimmt wer von ihnen am Turnier teilnehmen darf und später am Tag eröffnet er das Turnier.
Aus aufgehängten Lautsprechern tönen Hintergrundinformationen über das Spektakel in diversen Sprachen, doch andere Geräusche übertönen dies zumeist und so kann oft nur ein Wortfetzen aufgefangen und verstanden werden. Langsam werden die Ränge voll, an dem Holzzaun hängen ungeduldige Kinder, pubertierende Jugendliche klettern cool in die Gerüste der Tribünen und lassen die Beine baumeln, Touristen und Anwohner mit kleinen oder großen Fotoapparaten recken immer wieder die Köpfe: Wann geht es denn nun endlich los? Ein Schnauben ist zu hören und kurz darauf trotten die ersten Pferde mit verkleideten Reitern an den Zuschauern vorbei. Es folgen als Adlige verkleidete Jünglinge, Jungfrauen und ältere Herrschaften. Die ersten Fotos werden geknipst. Dann folgt die erste Prozession der Trommler und Trompeten, das Trommeln ist deutlich im Brustkorb zu spüren. Langsam steigt die Aufregung. Gleich beginnt es wirklich! Doch erst einmal ziehen die Reiter des folgenden Turniers vorbei, alle in den regionalen Kostümen. Zorro-ähnliche Masken und Masken, die an Venedig erinnern, blicken auf das Volk nieder. Die Pferde werden im Zaum gehalten, nicht wenige von ihnen wirken so, als würden sie am liebsten sofort los galoppieren. Und dann die Stille vor dem Sturm.Trötötötötööörööö! Drei Trompeter kündigen die ersten Reiter an. Der kleine silberne Stern mit dem Loch in der Mitte hängt an der Leine, er wartet auf den ersten, der ihn pflücken wird. Und tatsächlich gelingt es schon dem allerersten Reiter, den Stern mit seinem Schwert zu fangen.Tosender Applaus geht durch die Zuschauerreihen. So viel Geschick muss schließlich belohnt werden. Und so geht es weiter. Überraschend vielen Reitern gelingt es im stürmischen Galopp den Stern auf das Schwert zu bekommen. Immer wieder jubelt das Publikum bewundernd. Auch jetzt fühlt man sich in eine vergangene Zeit zurückversetzt, es fällt einem nicht schwer, vor dem inneren Auge die Turniere des Mittelalters passieren zu lassen. Bis auf die modernere Umgebung gibt es noch einen Unterschied: Heutzutage ist es auch Frauen erlaubt, an der Sartiglia teilzunehmen. Vor dem mittelalterlichem Stadtkern findet ein fairer und wirklich sehenswerter Wettkampf statt. Oristanos Straßen sind gefüllt mit Menschen, der Duft von Pizza und anderen Köstlichkeiten weht den Besuchern um die Nase und in den Cafés versammeln sich die Menschen, um ihre belasteten Füße auszuruhen und an einem warmen italienischen Kaffee ihre kalten Hände zu wärmen. Rote Wangen, leuchtende Augen; es ist offensichtlich, dass dieser Tag etwas Besonderes ist. Abends geht es wieder zurück nach Hause, mit Fotos von wackeren Reitern in der Kamera und dem Pferdetrappeln noch im Ohr. Und des Nachts träumen vermutlich nicht wenige Kinder und Erwachsene davon, auch einen Stern zu fangen.

Artikel und Fotos von Paula-Sophie Brink

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